Ausgeträumt

Aus meinem Traumstein
sind die Träume entflohen.
Wie die Schatten der Nacht
sind sie im Nichts verschwunden.
Als das Licht mir die Wahrheit zeigte,
habe ich sie freigesprochen,
vom Bann ihrer Bestimmung.
Nun schweben sie im kosmischen Nichts,
auf der Suche nach einer neuen Vision,
schöner noch als die alte.
Irgendwann werde ich wieder einen neuen Stein finden,
bereit, mich und ihn mit schönen Träumen zu füllen,
für eine neue Bestimmung.

Traumbild

Bald bist Du gänzlich fort aus meinem Leben!
Du gehst nicht ganz – ein kleiner Teil bleibt hier,
den senke ich mit liebevollem Weben
in die verborgne Kammer meines Herzens mir.
 
Nicht losgelöst sind alle Erdenstricke.
Noch hält mich die Erinnerung gebannt,
doch bald pflegt Schwester Zeit mit leisem Schritte,
mir mein gebrochnes Herz mit sanfter Hand.
 
Sie wird den Balsam des Vergessens auferlegen,
der wie der Nachtwind sich in Seelen senkt.
Sie wird die Wunden heilen, die noch quälen
und tröstend Sehnsucht stillen, wenn der Tag beginnt.
 
Die Einsamkeit wird sich in Stille wandeln,
mein Herz wird heilen, irgendwann und -wie.
Nur manchmal senkt mir dein verklärtes Handeln
„Verbundenheit“ in meine Phantasie.
 
In diesem Dunstbild sehe ich dich wieder,
du hüllst mich ein, in weißes Traumgespinst.
Dein Geist singt mir am Tage Trauerlieder,
zeigt mir, dass Traumesbilder nicht das Leben sind.

Geister der Nacht

The Nightmare – Johann Heinrich Füssli 1741-1825

Licht ohne Schatten –
nimmt Einsamkeit,
bringt Gesellschaft der Engel,
vertreibt die Angst vor der Dunkelheit,
macht quälende Gedanken erträglicher.
Die Geister,
die im Verborgenen lauerten,
sie schweigen,
erwachen in der Finsternis zu neuem Leben.
 
Ängste
werden wieder Schatten werfen,
zerren an der Bettdecke,
vertreiben den Schlaf
durch Gedankengespinste,
des Lebens böse Erinnerungen.
Alpträume sind die Geschenke der Geister,
bringen die alten Schwingungen,
greifen nach Dir –
vielleicht schon in der nächsten Nacht!?

Nachtglocken

Carl Spitzweg 1808-1885, Das Ständchen

Die Glocken klingen in der Ferne,
sie läuten schon den Sonntag aus;
am Himmel stehen erste Sterne,
die Stille zieht in Stadt und Haus.

Der Lampen Licht fällt durch die Scheiben,
wirft Schatten auf die leeren Straßen,
und es beginnt das bunte Treiben
im fahlen Mondlicht zu verblassen.

Wo Tag war, herrscht nun Dunkelheit;
der Wind, er schaukelt sanft die Welt,
Gott hat für unsre Schlafenszeit
die Uhren langsamer gestellt.

Die Englein singen Wiegenlieder,
Du hörst sie, wenn’s ganz stille ist;
sie schwingen sanft zu uns hernieder,
damit das Dunkel heller ist.

Traumwelt

Frederic Leighton 1830-1896, Flaming June

Das Licht der Kerzen ist verloschen,
das Haus ruht still im Abendlicht.
In deiner Hand das Buch, geschlossen,
der Schlaf verzaubert dein Gesicht.
 
Es wirkt so sanft im Schein des Mondes,
mit einem Lächeln, ganz entrückt,
und tief in den Gedanken wohnt es,
was dich so wundersam beglückt.
 
Entführt dich jede Nacht aufs Neue,
reicht dir die Hand zum Traumestanz,
trägt deinen müden Leib mit Freude
durch allerfernsten Sternenglanz.
 
So fliehst du weit in fremde Sphären,
machst eine Reise durch die Zeit.
Wenn Träume Wirklichkeiten wären,
dann schliefest du in Ewigkeit.

Verlorene Träume

Vergangenheit
ist das,
was uns groß oder klein machte,
uns im Guten oder Bösen prägte
und die Weichen stellte
für unsere Zukunft.

Butterfly – www.mondlicht08.de

Fahl wirft der Vollmond Schatten in die Zimmer.
Groß steht er, Stern umringt, in stiller Wacht.
Hat mich geweckt durch seinen Zauberschimmer.
Nun lieg’ ich lang schon, lausche in die Nacht.
 
Die Grillen geigen monotone Partituren.
Das Blattgewand, es rauscht im nahen Baumgeäst.
Ein Schlag fährt durch die müden Weltenuhren;
die Mitternacht hält magisch alle Zeiger fest.
 
Mein Engel singt mir Nachtwindmelodien.
Gott streut ein lichtes Ahnen in die Zeit.
Die Wesen aus den Schattenreichen fliehen
vorbei wie trüber Nebelhauch…so weit.   
 
Der Schlaf, der gnädige, ist mitgegangen.
Gedanken treiben wie das Wasser an den Strand.
Sie kommen und sie gehen; Traum verhangen
zieh ich mit ihnen ins verklärte Niemandsland.
 
Dort liegt mein Tränensee und auf dem Grunde
verlorne Träume, dicht an dicht, wie Stein an Stein.
Ich treib hinab, versink in sonnenferner Stunde;
spinn’ neue Träume, losgelöst vom Sein.

Leere Blätter

Jakobs Traum von der Himmelsleiter

Leere Blätter
Von Gisela Seidel

Die Tage gingen – Leere-Blätter-Zeiten –
mir fehlten uns’re Wortverbundenheiten;
in meinem Innern fühlte ich nur Leere,
trennten mich von dir und deiner Sphäre
doch nur die bloßen Alltagslücken,
lassen sich mit Gedankenbrücken nun neu verbinden –
ein ewig Wiederfinden.

Verbindung

Michelangelo – Sixtinische Kapelle
Verbindung 
von Gisela Seidel

Beseelt von neuem Glück will ich dir schreiben
in manchen Reim versteckter Weisheit Sinn,  

vieles wird wie die Sphinx zwar groß und schön,
doch um so rätselhafter bleiben,  

das Wort wird lenken deinen Weg zu Anbeginn;  
und während ich gedanklich mich im Vers verbinde,

verrinnen die Sekunden visionär;  
ersehnend fühl’ ich lang vergangne Erdengründe

– die Zeit, sie flog dahin, als Obs ein Lidschlag wär'.  
Bist Führer meiner Seele fehlend’ Hand,

bin nur im Geiste das verborgne Glied,  
hinter des Schleiers Anderwelten, unerkannt,

bin ich Vermittler, spinne dir mein Lied.  
Ich bleibe stumm, habe nur diese Zeilen,

um dir zu sagen: Sinnend wart’ ich hier!  
So sehr ein Wort verletzt, so sehr kann es auch heilen;

bin nur gedankenweit entfernt von dir.  
Du wirst es spüren: Wenn ich bei dir weile,

vergessen wir gemeinsam Zeit und Raum,  
wenn ich vom Licht des Universums schreibe,

verschmelzen Endlichkeit und Ewigkeit im Traum.  
So, wie ein Wolkenband den Himmel ziert,

so sollen die geschriebnen Worte sein,  
Gedanken, wie von Engeln inspiriert,
sie gehen tief ins menschlich' Herz hinein.