Amor und Psyche – William Adolphe Bouguereau (1825-1905)
Oft ist es klein, doch gegenwärtig nah, ein schattenhaft Erinnern, das zuvor, manchmal doch nur Sekunden da, ein Ton, ein Klang, der sich im Wind verlor.
Das Unbekannte, das verging, es flieht, doch rüttelt es an meiner Seelentür. Es singt in mir ein altes Liebeslied, die Strophen so bekannt und tief in mir.
Zwei Rosenblätter, die vorüberflogen, als sie ein Windhauch aus der Blüte nahm. Getrennt und doch gemeinsam angesogen von Sehnsucht, die auf weißen Schwingen kam.
Herr, gib uns helle Augen Die Schönheit der Welt zu sehn! Herr, gib uns feine Ohren, Dein Rufen zu verstehn. Und weiche, linde Hände Für unserer Brüder Leid Und klingende Glockenworte Für unsre wirre Zeit! Herr, gib uns rasche Füße Nach unserer Arbeitsstatt – Und eine stille Seele, Die deinen Frieden hat!
Frieda Jung(1865-1929) Ostpreußische Heimatdichterin geboren im Landkreis Gumbinnen
Foto: privat – Sonnenblumen von Karl-Heinz Stienen (1929-2002)
Rosenblüten sind schon recht bleich; viele vertrocknen im steigenden Jahr, der Rasen zerstört und sein grünes Reich gleicht Stroh, wie schütteres Haar.
Das immergrüne Efeu scheint müd, es steigt nicht mehr höher am Haus; regenarm dörrt aus, was heute noch blüht, es leiden der Mensch und die Maus.
Der Sommerweizen weht noch wie Gold, die Schnitter werden bald kommen. Die Sonnenblumen schauen gar hold, sie sind aus der Mode gekommen.
In den 50ern zierten sie Bilder zuhauf, in Öl gemalt und im Rahmen. Das gefiel aller Welt und erschwinglich der Kauf; heute will sie niemand mehr haben.
Wie die Sonne, deren Sommerwelt schon längst obsolet geworden, hofft man, dass endlich Regen fällt und auf Luft zum Atmen von Norden.
Nun hebt das Jahr die Sense hoch und mäht die Sommertage wie ein Bauer. Wer sät, muss mähen. Und wer mäht, muss säen. Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.
Stockrosen stehen hinterm Zaun in ihren alten, brüchigseidnen Trachten. Die Sonnenblumen, üppig, blond und braun, mit Schleiern vorm Gesicht, schaun aus wie Frau’n, die eine Reise in die Hauptstadt machten.
Wann reisten sie? Bei Tage kaum. Stets leuchteten sie golden am Stakete. Wann reisten sie? Vielleicht im Traum? Nachts, als der Duft vom Lindenbaum an ihnen abschiedssüß vorüberwehte?
In Büchern liest man groß und breit, selbst das Unendliche sei nicht unendlich. Man dreht und wendet Raum und Zeit. Man ist gescheiter als gescheit, – das Unverständliche bleibt unverständlich.
Ein Erntewagen schwankt durchs Feld. Im Garten riecht’s nach Minze und Kamille. Man sieht die Hitze. Und man hört die Stille. Wie klein ist heut die ganze Welt! Wie groß und grenzenlos ist die Idylle …
Nichts bleibt, mein Herz. Bald sagt der Tag Gutnacht. Sternschnuppen fallen dann, silbern und sacht, ins Irgendwo, wie Tränen ohne Trauer. Dann wünsche Deinen Wunsch, doch gib gut acht! Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.
Blick aus dem Fenster – Franz Skarbina (1849-1910)
So still in mir! Keine Gedanken, die bleiben, sie treiben dahin, temporäre Gebilde, ohne tieferen Sinn.
Ich kann sie nicht fassen und verhindern ihr Gehen, sie treiben im Kopf durch sinnende Gassen und bleiben nicht stehen.
Will nach ihnen greifen, doch tieferes Schweifen bringt keinen Gewinn. Ein Schürfen nach Wertvollem, schwer und gewichtig, allemal richtig und erfüllend im Sinn.
Es fehlt mir das Licht, das im Strahlen verkündet: „ICH BIN immer da.“, dem Vertrauen ich schenke, dessen Worte ich denke, in der Stille, fürwahr.
Wie mein Kind sich freuen kann! Sieht es nur ein Licht, Sieht es nur ein Blümchen an, Lächelt sein Gesicht.
Welche Freude wird es sein, Wenn´s im Frühlingsfeld Laufen kann im Sonnenschein Durch die Blumenwelt!
Wie´s die Händchen dann erhebt Nach dem Schmetterling! Wie´s nach allem hascht und strebt! Nichts ist ihm gering.
Und das Hälmchen in dem Ried Und das Blatt am Strauch, Alles, alles, was es sieht, Alles freut es auch.
Und wie wird die Freude sein In der Sommernacht, Wenn der Mond mit güldnem Schein Ihm entgegenlacht!
Freue dich, mein liebes Kind! Wer sich freuen kann, Ist, sobald er nur beginnt, Schon ein bess´rer Mann!
-1855
Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)
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