Hilfloses Altern

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay
Die Tür fällt leis ins Schloss!
Du musst verlassen deines Wirkens Stätte.
So, wie ein langer Regen sich ergoss
und dann versickert tief im Erdenbette,
so flossen deine Tage voller Schaffen,
doch langsam wich die Kraft aus deinen Zellen,
vorbei der Ansporn, das Zusammenraffen,
der Zahn der Zeit, er nagt an allen Stellen.

Ein letzter Blick fällt auf das Altvertraute,
ein tiefer Seufzer der Erinnerungen.
Der mit Elan einst Zukunftsschlösser baute,
ist ohne Ziele, ganz vom Weh durchdrungen.

Die Wehmut lenkt die Schwere deiner Schritte,
nichts hält dich, niemand, der dein Dasein wandelt;
was du einst liebtest und dich hielt in deiner Mitte,
es ist längst fort, vorbei und abgehandelt.

Führst Zwiegespräche mit den Unsichtbaren,
die schon vor langer Zeit die Welt verließen.
Hilflosigkeit wächst mit den täglichen Gefahren
und tückisch scheint der Weg unter den Füßen.

So gehst du hin in eine Heimstatt, die man wählte,
und überschaubar werden deine letzten Jahre.
Am Ort, an dem Vergessenheitsgequälte
vergessen werden, steht bereits die Bahre.

Wenn Menschenhände dich längst losgelassen,
du mit Erinnerungen nur im Damals lebst,
bleibt dir nur Gott – er wird dich nicht verlassen,
wenn du auf deine letzte Reise gehst.

Seufzerbrücken

Der Frühling malt mit seinen zarten Farben
den Tag in süßester Manier;

in dem die Stunden uns, wie höchste Gaben,
verzaubern ganz in Poesie.

Wir stehen auf so vielen Lebensbrücken,
und unter uns ein wilder Fluss;

verbinden uns mit allen Daseinslücken,
die Menschheit überqueren muss.

Wer alles schon in Not hierauf gegangen,
durchläuft die Seufzerbrücke ganz zum Schluss,

der wird im Tod am Ziele angelangen,
an dem ein jedes Leben stehen muss.

Doch lasst ganz ohne Angst die Wasser fließen,
mitreißend wird es in die Zukunft gehen.

Kannst du die Tage deines Lebens segnen,
siehst du am letzten für dich Blumen stehen.

Fernes Leuchten

Oft kreisen die Gedanken wie Planeten, 
um einen Mittelpunkt, erstrahlt im Licht;
manchmal lässt uns der Geist um Wahrheit beten,
denn wir erkennen Gut und Böse nicht.

Der Kosmos weit, der Geist in uns so klein,
und jeder Stern ist seine eigne Welt –
vielleicht mag sein Gesicht nur Schein noch sein,
aus einer Zeit, die lange nicht mehr zählt.

Doch wenn die Nacht uns still ins Staunen senkt,
vergessen wir doch meist in heller Welt,
dass uns das All sein fernes Leuchten schenkt,
weil unser Sinn auf andere Dinge fällt.

Im Frühling werden zarte Knospen sprießen,
als ob sie neu geboren sind;
unzählig wird sich Blütenpracht ergießen
und kurz gelebt, verwehen mit dem Wind.

Auch diese Zeit verweht.
Ihr folgen, die einst neu geboren.
Sie blühen und vergehen;
der Kosmos ist so groß und wir in ihm verloren –
wir können nur den kleinen Teil verstehen,

der sichtbar ist und unseren Blick erhellt,
nicht was im Dunkeln liegt und außer Sicht.
Gerüstet ist die Schöpfung dieser Welt
und die Natur im hellen Frühjahrslicht.

Alle Vögel sind schon da

von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

Liedkomponistin: Marie Nathusius, geborene Scheele (1817-1857)

Alle Vögel sind schon da,
alle Vögel, alle.
Welch ein Singen, Musiziern,
Pfeifen, Zwitschern, Tiriliern!
Frühling will nun einmarschiern,
kommt mit Sang und Schalle.

Wie sie alle lustig sind,
flink und froh sich regen!
Amsel, Drossel, Fink und Star
und die ganze Vogelschar
wünschen dir ein frohes Jahr,
lauter Heil und Segen.

Was sie uns verkünden nun,
nehmen wir zu Herzen:
Wir auch wollen lustig sein,
lustig wie die Vögelein,
hier und dort, feldaus, feldein,
singen, springen, scherzen.
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)

Ihr Schrecklichen

Tag des Urteils – Jean-Léon Gérôme (1824-1904)
Ihr Herrscher dieser Welt, was ist geschehen? 
Wieso, warum wird es nie anders gehen?

Es tröpfelt Blut aus Wunden vieler, die in Not,
doch ihr schlaft ruhig. Ihr bringt der Welt den Tod!

Seid weit entfernt von jenen, die schon fielen.
Der Frühling kommt, mit blühenden Gefühlen.

Ihr düngt das Feld mit Menschen, bis zuletzt;
ermordet jeden, der sich widersetzt.

Ein Hauch Verwesung folgt längst euren Schritten.
Der Satan in euch hat die Macht ergriffen.

Längst Untergebene seid ihr, untertänig, willig,
und eurem Ego unterwandern, ist ihm billig.

Kanonenfutter sucht ihr nicht in euren Reihen.
Nicht eure Kinder wird der Krieg sich einverleiben.

Nicht euer Fleisch und Blut tränkt diese Erde;
es sterben doch nur Menschen, keine Pferde.

Hör‘ sie noch schreien, wie vor vielen Jahren,
wie Kinder, die den Tod in sich gewahrten.

Ein Schlachtross sein, das schwere Panzer trug,
und edle Reiter, Schwerter, warn der Zeit genug.

Heut’ schickt man Drohnen, Sprengstoff im Gepäck;
man braucht das Elend nicht zu sehen, sprengt den Dreck.

Aus allen Elementen ist der Mensch gemacht,
und Energie, damit er lebt und läuft und lacht,

er funktioniert, bereichert das System,
und wird er irgendwann zugrunde gehen,

dann geht er patriotisch, heldenhaft von Dannen;
wird als Soldat befreit ins Licht gelangen.

Seid ihr der Satan, als er Hiob quälte?
Versuchung pur, die so von Gott gewählte?

Die „Großen“ sind längst in der Ewigkeit.
Dort sind sie klein, mit blutigem Seelenkleid.

Die Wahrheit sammelt sich um ihre Namen,
durch jene, die sie aus dem Leben nahmen.

So wird der Größte bald der Kleinste sein,
und der Gigant geringer wiegen, als ein armes Schwein.

Fazit: Manchmal ist das Geschehene rückläufig. Alles Fehlverhalten wird Folgen haben.

Ghosting

Fast 20 Jahre sind vergangen;
ein neuer Frühling zieht ins Land.
Es war vor langer Zeit, als er gegangen,
und mich die einsame Erinnerung band.

Ich hatte Hass, war wütend und in Qual,
noch Jahre später, als die Arbeit band;
doch jetzt verstehe ich mit einem Mal,
dass ich mein Schicksal im Alleinsein fand.

In Stille zog ich in mein Schneckenhaus,
in die Spirale meines Seeleninnern ein,
löschte die Lichter der Erwartung aus –
ein sehnsuchtsloser Platz für mich allein.

Bald werden viele Frühlingsregen fallen
und starke Winde durch die Straßen wehen;
ich werd‘ die Hand des Eremiten halten,
mit ihm durch Nebel in die Zukunft gehen.

Es war im September 2008, als ich von einem Eremiten ohne Gesicht träumte, der meine Hand fasste. Er trug eine dunkelbraune Mönchskutte aus grobem Sackleinen. Das machte mir Angst. Ich stand in der Küche und sah in den Flur, als der Mann, den ich liebte, in ein von Nebeln verhülltes Treppenhaus verschwand und nicht mehr wiederkehrte. Genauso kam es dann auch. Heute hat dieses Verhalten einen Namen: Ghosting.

Lied der Engel

In Tönen, die nur Seraphinen singen,
durchströmt ein glockenheller Klang die Welt,
mit überirdischem Vibrato ferner Stimmen,
wird unsre Dunkelheit zum lichten Tag erhellt.

Zum altgegangenen Weg der Religionen,
dringt dieses Licht der Wahrheit mehr und mehr.
Die Finsternis, in der noch viele wohnen,
wird es mit Weisheit fluten, wie ein Meer.

Versiegelt scheint die heil’ge Wirklichkeit,
die Flamme der Vernunft, sie wird es lösen;
das Licht geht auf, der Bettler steht in feinem Kleid,
denn ein Geringer zeigt des Geistes Größen.

Wo Gottes milde Segensströme fließen,
ergossen durch den reinen Sphärenklang,
endlos wird Liebe sich in uns ergießen,
wo wunde Herzen leiden, zukunftsbang.

Taktlos

Arche Noah – Quelle: Pinterest
Es färbt ein dunkler Hauch die Frühlingswende,
verstört, verirrt im neuen Weltgeschehen;
sucht, dass er seine Buntheit wiederfände,
wo helle Friedensfahnen fröhlich wehen.

Wo Farbenspiele spannend unter Bläue,
sich zeigen in des Regenbogens Pracht,
des Schöpfers Segen alle Saat erneuere,
die Welt verschone vor der Bombenmacht.

Den Menschen schlägt ein neuer Takt entgegen,
wie damals auch, im Dreißigjährigen Krieg.
Die Grenzen scheinen fremd und fern gelegen,
von denen allen Ländern böses blüht.

Ein scharfer Besen fegt die Ahnungslosen
mit Perversion – Welt ohne Mitgefühl.
Ein Pulverhauch schwebt schwer im Bodenlosen:
„Stock, der du gewesen, steh doch wieder still!“*

*Zitat aus „Der Zauberlehrling“ von J. W. von Goethe

Morgenlicht

Bild von Arifur Rahman Tushar auf Pixabay

Es dämmert schon –
gleich wird der Tag erwachen!

Das Licht kämpft gegen die Dunkelheit.

Der Wind reißt Löcher in die Wolkendecke
und lässt das Blau des Himmels erahnen;
friedlich und still ruht die Welt,
zärtlich streichelt sie die Nacht,
umschließt sie sanft mit einer Aura kosmischer Liebe.

Erde und Himmel im göttlichen Licht;
kühl ist der Morgen.

Schwingungen des Geistes
schenken wärmende Gedanken,
damit unsere Seelen nicht frieren.

Sonnenhungrig

Aus den Wolken fällt der Regen,
welterwachend, frühlingsmild,
sanft, wie zarter Hauch und Segen,
tränkt er Wiesen, Wald und Feld.

Tröpfchen hängen an den Zweigen,
jede Knospe fein erwacht;
gelb malt an Forsythien-Zweigen
Farbe „Frohsinn“ über Nacht.

Wolken, die vorüberschweben,
sind in regengrau getaucht,
und das frühlingsnahe Leben
wird von Ungeduld behaucht.

Kühl sind noch die Temperaturen,
doch die Wärme stellt sich ein,
wenn die alten Sonnenuhren
wachgeküsst vom Sonnenschein.